Giovane Elber in Waiblingen

Von Peter Schwarz – Bericht vom ZVW vom 22.11.2018

Dreieck-Magier ist zurück

Waiblingen. Seit 25 Jahren unterstützt Giovane Elber, der einst beim VfB Stuttgart Teil des „magischen Dreiecks“ war, Straßenkinder in seiner brasilianischen Heimat. Dieser Tage weilt er mal wieder im Remstal: Am Freitag ist Spendengala im Waiblinger Bürgerzentrum.

Es war 1994, in Winterbach feierte ein Altherrenkicker seinen 50. Geburtstag, als irgendwann in der Runde das Gespräch auf den neuen Nachbarn kam: Nebenan wohne ein junger Kerl, 22, freundlich und bescheiden, aber ein bisschen verloren wirke er; stamme aus Brasilien. Nach dem Training beim VfB vergrabe er sich in der Wohnung, er wisse noch nicht recht, wohin mit sich.

Ach, sagte einer in der Runde, der ist bestimmt froh, wenn er mal ein bisschen Anschluss hat. Den holen wir jetzt rüber.

So landete Giovane Elber bei einer Fünfziger-Feier im Remstal und erzählte von seiner Heimat Londrina; erzählte von der eigenen Kindheit – nein, er sei nicht so arm aufgewachsen, zu Hause gab es was Warmes zu essen, nur für eine Cola reichte das Geld nicht; erzählte von Kindern, denen es schlimmer ging, die in Wellblechhütten hausten, ohne fließendes Wasser, ohne Strom, sich selbst überlassen, weil die Mütter sich irgendwie durchschlagen müssten und viele Väter im Gefängnis säßen. Bei Heimatbesuchen verteile er Lebensmittelpakete in den Elendsvierteln.

Mit einer spontanen Spendensammlung fing alles an

Ist ja schön, wenn du heute hilfst, sagte einer, aber morgen sind die doch wieder hungrig. Die Gäste entschlossen sich zu einer spontanen Spendensammlung – an jenem Abend ging Giovane Elber mit 1300 Mark nach Hause. Es war die Geburtsstunde des Winterbacher Vereins zur Förderung brasilianischer Straßenkinder, 2008 erwuchs daraus die Giovane-Elber-Stiftung.

Wenn er an die drei Jahre mit Giovane Elber denkt, muss der VfB-Fan lachen vor Nostalgie und weinen vor Wehmut. Wenn Elber den Ball mit Balakov und Bobic im magischen Dreieck umhertanzen ließ, war das Zuschauen ein Geschenk. Als Elber zu den Bayern wechselte, trauerten die Fans –und der Spieler trug Sorge: „Wird das Projekt sterben?“ Wie sollte es weitergehen mit dem Winterbacher Hilfsverein? Das würde gewiss alles auströpfeln und versanden.

Das Elber-Projekt

Das Gegenteil geschah: Die Winterbacher spendeten unverdrossen weiter, und 25 Jahre später ist aus dem „kleinen Baby“ etwas Großes geworden: 150 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren strömen täglich ins Elber-Zentrum in Londrina. Es gibt Unterrichtsräume, Lehrer, Sozialarbeiter, einen Sportplatz, einen Hort für die Kleinsten.

Anfangs wunderten sich Giovane Elber und seine Frau Cintia, warum viele dieser Kinder morgens „ständig Kopfschmerzen“ hatten. Bis sie begriffen: Es ist der Hunger. Seither gibt es hier Frühstück, Mittagessen und Nachmittagslunch. Vieles hat sich zum Besseren gewendet im Viertel. „Heute kann ich locker da durch die Straße gehen. Vor zehn Jahren habe ich mich nicht getraut“; wenn er kam, machten „die Drogendealer große Augen“. Manche berühmten Fußballer in Brasilien fahren nur „in gepanzerten Autos“ – aber das „ist doch kein Leben“.

Jährlich kommen Gäste aus Winterbach

„Ohne Deutschland“, sagt Cintia Elber, „wäre dieses Projekt schon sehr lange geschlossen.“ Die Leute vom Hilfsverein um Richard Schrade sind „unersetzlich“, aber auch „der Lässing“ habe sich nützlich gemacht, „Horst“. Der damalige Landrat fuhr mal mit nach Londrina, sah die staubige Schlaglochpiste, die das Elendsviertel durchschnitt, „und hat mit unserem Bürgermeister gesprochen: Könnt ihr hier Asphalt machen, oder müssen wir Maschinen bringen aus Deutschland? Sechs Monate später war die Straße asphaltiert.“

Bis heute kommen alljährlich im September Gäste aus Winterbach. „Die Deutschen“, lacht Elber, „die passen schon auf. Die wollen schon sehen, dass das Ding läuft. Dass alles gut organisiert ist.“

Und die Zukunft? Die Brasilianer haben Jair Bolsonaro zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Ein Faschist, sagen manche, homophob und frauenfeindlich. Dennoch haben viele Kicker ihn im Wahlkampf unterstützt: der geniale Ronaldinho, der ehemalige Weltfußballer Kaka. Wie das? Bolsonaro, erklären die Elbers, habe ein großes Thema: Er wolle die Korruption bekämpfen. Und das sei tatsächlich verzweifelt nötig.

Die WM 2014: Ein soziales Desaster

Als Brasilien die WM 2014 ins Land holte, versprachen die Politiker einen großen Schub nach vorne – „heute ist Rio pleite“. In Cuiaba sollte eine Straßenbahn vom Flughafen zur Innenstadt entstehen, Züge wurden gekauft – „von der Strecke sind 50 Meter gebaut“. Im Amazonasgebiet wurden Stadien aus dem Boden gestampft – und stehen seither meistens leer. „Wer soll da spielen bei 45 Grad? Viel, viel Geld ist in falsche Kanäle geflossen.“

„Ich liebe Fußball!“, sagt Eber. Aber diese WM 2014? „Besser, man hätte Krankenhäuser gebaut. Schulen. Und bezahlt die Lehrer richtig.“

Wird Bolsonaro seine Versprechen wahr machen? Oder sich als Diktator entpuppen? „Mal schauen.“ Er lacht. „Wir Brasilianer denken immer, morgen wird’s besser.“

Wer auch immer regiert, das Straßenkinderprojekt will er weiterführen, mindestens „noch mal 25 Jahre“. Manchmal spielt er mit den wilden Jungs Fußball. Danach „tut bei mir alles weh“, aber egal: „Du schaust in ihre Augen – wie das strahlt!“ Oft denke er: „Wir bekommen mehr von den Kindern, als die Kinder von uns.“


Elber: Zur Person

Giovane Elber, geboren 1972 in Londrina, Brasilien, kam über Stationen beim AC Mailand und den Grashoppers Zürich 1994 zum VfB und schoss 1997 im DFB-Pokal-Finale beim 2:0-Final-Triumph gegen Energie Cottbus beide Tore. Von 1997 bis 2003 gewann er mit Bayern München den Weltpokal, die Champions-League, viermal die deutsche Meisterschaft und dreimal den DFB-Pokal. Den dritten Platz holte er 2007 bei der RTL-Show Let’s Dance mit seiner Tanzpartnerin Isabel Edvardsson. Heute betreibt er in Londrina eine Rinderfarm.

Elber: Die Gala

Die Jubiläumsgala „Benefiz for Kids“ der Giovane-Elber-Stiftung zum 10-jährigen Bestehen der Giovane-Elber-Stiftung findet am Freitag, 23. November, um 19 Uhr im Waiblinger Bürgerzentrum statt. Es gibt noch Karten an der Abendkasse. Auf dem Programm: Gesang, Tanz, Akrobatik unter anderem mit Nice Ferreira und ihrer Gruppe Sil Samba, Christina Marques und dem Chor Encanto, der Kindertanzgruppe Beija Flor Brasil Mirim; und Bethania Joaquinho wird das Stück „Lost and found: Migration“ tanzen.

2018-11-29T17:11:12+00:0022. November 2018|